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Tag 11 – Transit

Autor: Matze

Als wir am Morgen aufwachten, waren wir immer noch schwer und träge vom all-you-can-eat Essen des Vortages. Dennoch musste unsere Gruppe um 5:20 Uhr los, damit wir die erste Bahn pünktlich bekommen konnte. Die Tage im hohen Norden waren gezählt und für uns ging es heute wieder Richtung Süden. Plan war es direkt zum Fuji zu fahren, was für uns bedeutete, dass wir heute gute zehn Stunden mit dem Zug unterwegs sind. Zuerst waren wir in einem Regionalbahn Limited Express unterwegs, da wie schon erwähnt auf Hokkaido keine Shinkansen fahren. Zumindest hat man bei diesem Reisetempo mehr Chancen auch mal was von Natur mitzubekommen, wenn man aus dem Fenster schaut.

Der erste Umstieg war dann in Hakkodate. Soweit war erstmal alles gut. Als wir jedoch fünf Minuten im Shinkansen Richtung Omiya unterwegs waren, hatte Felix angefangen hektisch in der Gegend herumzuschauen…

„Habt ihr meinen kleinen Rucksack irgendwo gesehen?“, hat er in die Runde gefragt.
Unsere Gruppe hat sich umgeschaut und musste schnell feststellen, dass der Rucksack in diesem Zug nicht an Bord ist…
Es gibt, glaube nichts Schlimmeres als sein Hab und Gut in einem fremden Land zu verlieren.
Die Krönung zu diesem großen Problem war dann noch, dass in dem Rucksack der Reisepass von Felix war.

Also gingen wir zum Schaffner und haben versucht, die ganze Situation zu erklären.
Glücklicherweise wurde der Rucksack zeitnah gefunden und er befand sich bereits im Bahnhof des letzten Bahnhofs. Nach ein bisschen hin und her gab es dann zwei Optionen für uns.:
1. Wir fahren zurück nach Hakkodate.
2. Der Rucksack wird zu einem der nächsten Hotels geschickt.
Offensichtlich war die erste Option schlecht, da wir sonst stark in Verzug gekommen wären und somit den Check-in am Mt. Fuji verpasst hätten.
Also haben wir diesmal vorgeplant und direkt das Hotel an unserem nächsten Reiseziel in Osaka gebucht.
Dorthin wollten wir dann den Rucksack schicken lassen. Der Plan war nun geschmiedet. Also ging es an die Umsetzung. Wir haben den Schaffner erneut aufgesucht, um zu erklären, dass wir den Rucksack per Post bekommen wollen. Leider hat dieser gesagt, dass es im Zug zu kompliziert wäre und wir das an einem Bahnhof klären sollen.

Also sind wir in Omiya zur nächsten Infostation gegangen.
Bedauerlicherweise konnte mal wieder niemand Englisch sprechen. Aber mithilfe von Übersetzungsprogrammen hat es dann doch mit der Kommunikation geklappt und unsere Gruppe wurde von einem Mitarbeiter zur „Lost & Fund“ Station (Fundbüro) gebracht.
Dort hat Volker noch einmal alles erklärt. Es dauerte ewig. Volker musste mit Händen und Füßen den Mitarbeitern unser Problem schildern. Außerdem musste er ein Formular auf Japanisch ausfüllen. Das Zeichnen der Buchstaben ähnelte dann doch eher dem Kunstunterricht der 4. Klasse als Schreiben.
Während Volker den Papierkram klärte, gönnten wir uns ein Anti-Stress-Eis.

Dabei ist uns aufgefallen, dass es für nahezu jedes Parkhaus in den großen Städten jemand gibt, der die Fahrzeuge in die Parkhäuser ein- und ausweist. Als ob die Leute das nicht von selbst schaffen würden.
In Deutschland ist so ein sinnbefreiter Job undenkbar, zumal das hier auch noch ein Vollzeitjob ist.
Diese Gedankengänge hatten wir schon oft, da es viele Jobs in Japan gibt, wo die Arbeiter größtenteils aus herumstehen oder anderen unnützen Aufgaben besteht. In großen Einkaufshäusern gibt es Personal, welche für dich im Fahrstuhl die Knöpfe drücken. Aber hey, dafür hat Japan eine sehr geringe Arbeitslosenquote.

Im nächsten Moment hat uns einer der Einweiser zugewunken und ist zu uns gekommen.
Er hat uns begrüßt und ist direkt in Smalltalk übergegangen. Er war sehr interessiert an unserem Urlaub und wollte alles zu unserer bisherigen Reise wissen.
Anfangs hat er von seinem Job erzählt, und dass er stolz darauf ist eine wichtige Arbeit zu machen (Wir haben uns dann nicht mehr getraut zu fragen, warum es so viele Einweiser gibt, da wir seinen Stolz nicht verletzen wollten). Dabei kam das Thema Wandern und Klettern auf. Er selbst erzählte von seinen Ausflügen nach Pakistan. Dort hat er wohl schon einen der 8000er erklommen. „Ziemlich stark!“, dachten wir uns, auch wenn wir seiner Geschichte nicht unbedingt alles glauben wollten. Das Gespräch endete dann und er musste dann aber wieder an die Arbeit. Ein paar Minuten später ist er tatsächlich nochmal zu uns gekommen. Nun hatte er aber ein Fotoalbum dabei und hat uns Bilder von seinen Reisen durch Pakistan gezeigt. Die Momentaufnahmen waren sehr spannend. Auf einer der vielen Bilder posierte er mit einer AK-47. Das nächste Bild war ein Gruppenbild mit einer Militärmiliz. Er war ca. 2003 in Pakistan und hat dort ein paar neue Freunde gewonnen. Er zeigte auf ein Bild, mit seinen Freunden und sagte einen Satz, der bis heute in unseren Gedanken hängt: „Taliban, you know?“. Die Militärmiliz entpuppte sich als die Taliban.
Die Reise hatte er allerdings noch vor dem 11.09 angetreten. Damals wurden die Taliban noch nicht als terroristische Organisation verfolgt. Trotzdem war es ein befremdliches Gefühl, davon zu hören.
Er verabschiedete sich herzlich und ging seiner Wege. Die Situation und diese Begegnung waren sehr surreal für uns. Ich kann das zwar alles hier schreiben, habe aber nicht das Gefühlt, dass uns das irgendjemand glauben wird.

Nachdem mit dem Rucksack alles geklärt wurde, haben wir uns dann auf dem Weg nach Kawaguchiko (eine Stadt am Fuji) gemacht. Auf uns wartete ein komplettes Ferienhaus.
Es hatte verschieden große leere Räume mit Tatami-Matten auf dem Boden. Hier konnten laut Booking.com 16 Personen übernachten. Für uns gab es aber die bequemen Betten im oberen Stockwerk zum Schlafen.
Da der Tag sowieso ein eher logistischer und organisatorischer Tag war, kümmerten wir uns natürlich auch noch um die schmutzige Wäsche.
Später, nach einem kurzen Ausflug zu einem Restaurant, um noch etwas Warmes zwischen die Kiemen zu bekommen, ging es für uns dann ins Bett. Durch die Komplikationen mit dem Rucksack waren wir am Ende den kompletten Tag unterwegs.

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