Autor: Kevin
Die letzten Tage waren sehr anstrengend und laufintensiv. Jeden Tag über 20 km laufen, zerren dann doch ein wenig an einem. Wir entschieden uns heute also einfach mal auszuschlafen. Ca. um 11 ging es erst raus aus dem Hotel. Die hungrigen Mägen füllten wir mit feinsten Backwaren. Die Preise mit deutschen Bäckern kann man nicht vergleichen. Ich würde mal im Schnitt sagen, dass die Sachen hier 2-3x preiswerter sind.



Jetzt waren wir bereit, Sapporo unsicher zu machen. Die Stadt hat ca. 1,9 Millionen Einwohner und ist die Hauptstadt der Hokkaido-Region. Berüchtigt ist Sapporo und Umgebung für die riesigen Nationalparks, Berge und Skipisten. Vielleicht habt ihr ja schonmal die Bilder aus Japan gesehen, wo 3–4 Meter hoher Schnee im Winter liegen. Ein weiteres Markenzeichen für die Stadt ist die Bierbrauerei. Wir werden im späteren Verlauf des Tages noch das lokale Biermuseum besuchen und da werde ich ein bisschen näher darauf eingehen. Die Stadt befindet direkt am Japanischen Meer und die Stadtgrenze bildet eine Bergkette. Unser erster Teil des Tages war eine Wanderung auf den Berg „Moiwa“. Er befand sich direkt am westlichen Standrand und durch das warme, sonnige und wolkenlose Wetter hatten wir optimale Bedingungen. Zum Startpunkt mussten wir erstmal eine Stunde laufen, aber das war eine sehr gute Entscheidung. Da wir uns auf Hokkaido sehr weit nördlich befanden, ist das Klima im Gegensatz zum Süden ein paar Wochen hinterher und dadurch hatten wir glücklicherweise noch die Chance ein paar blühende Kirschbäume zu sehen. Es sah wunderschön aus. Ein paar wenige Straßenzüge gehüllt in Rosa. Fast die Hälfte aller Laubbäume in Japans Innenstädten sind Kirschbäume. Ich wage es mir gar nicht vorzustellen, wie wunderschön es hier zur Kirschblütenzeit aussehen muss. Das schreit ja förmlich danach, nochmal nach Japan zu kommen.





Am Fuße des Berges füllten wir nochmal unsere Wasserreserven und los ging es in das grüne Dickicht. Der Weg von 2,7 km zum Gipfel war nicht gerade besonders lang, aber die 450 Höhenmeter haben unsere Beine echt zum Schwitzen gebracht. Bei unserem Aufstieg ging es vorbei an vielen kleinen Schreinen und Statuen. Besonders sind uns die lokalen Wanderer aufgefallen. Jedem, den wir begegneten, hatte eine Glocke am Rucksack. Man konnte also immer schon die nächste Begegnung aus der Ferne hören. Im ersten Moment dachten wir, dass es einen spirituellen Hintergrund hat, da der Berg auch heilig ist. Aus Neugier verwickelten wir den erstbesten Wanderer in ein Gespräch und fragten, was es mit den Glocken auf sich hat. Unsere Vermutung war weit gefehlt. Es handelt sich Glocken, um Bären abzuwehren. In diesem Gebiet sind einige heimisch und es kam wohl letztes Jahr auch zu einem Angriff auf diesem Pfad. In Japan leben zwischen 15.000 u. 20.000 Bären und wir naiven Chaoten liefen hier ohne wirkliche Vorbereitung herum. Bären sind zwar ziemlich menschenscheu und vermeiden Lärm, aber so ein bisschen unwohl war uns dann schon. Da dieser Beitrag ja offensichtlich hochgeladen wurde, kann ich schonmal sagen, dass die einzige haarige Begegnung das Eis in Volker seinem Bart an diesem Tag sein sollte. Dennoch mussten wir Abwehrmaßnahme einleiten. Der liebliche Gesang von deutschen Wanderliedern aus Mündern, die weder einen Ton treffen noch ansatzweise textsicher waren, hält wohl sämtliche Lebensformen fern.
Der Aufstieg war bei den hohen Temperaturen doch sehr anstrengend. Das Wasser floss uns den Rücken runter. Es gibt wohl kein schlimmeres Gefühl, als der erste warme Schweißtropfen, der langsam in die Poritze fließt.
Der Aufstieg hat sich aber total gelohnt. Auf dem Gipfel gab es einen tollen Ausblick über Sapporo und das Meer. Auf der anderen Seite konnte man ins Hinterland schauen. Am Horizont streckten sich weiter Berggipfel Richtung Himmel, welche sogar noch eine Haube aus Schnee trugen.








Zu einem guten Aufstieg gehört natürlich auch ein kühles Bier. Im Sitzbereich des Restaurants kamen wir mit zwei japanischen Damen ins Gespräch. Die eine lebte zehn Jahre in Kanada und dadurch war die Kommunikation diesmal kein Hindernis. Wir tauschten uns über das Wandern aus und zeigten ihnen einige Wanderregionen in Deutschland, welche sie mal besuchen können. Wir haben auf jeden Fall Kontakte ausgetauscht und falls sie wirklich mal zu uns kommen sollten, stehen wir bereit, mit ihnen eine Runde Wandern zu gehen.
Das Gespräch ging langsam zu Ende und debattierten, ob wir die Seilbahn nach unten nehmen sollten oder doch lieber zurück per Fuß. Wir fragten die beiden Damen, was der schnellste Pfad nach unten ist und entschieden und letztendlich denselben Pfad nach unten zu nehmen, nur, dass wir diesmal den kompletten Weg nach unten rannten. Es dauerte knapp 20 Minuten bis wir am Eingang standen. Der Rücken war völlig nass.
Letzter Halt war natürlich dann das lokale Biermuseum der Sapporo Brauerei. Man muss ja auch mal über den Tellerrand hinausschauen und Bier aus anderen Ländern probieren. Das Unternehmen wurde 1876 von der Behörde für die Erschließung der Insel Hokkaidō(開拓使 Kaitakushi) in Sapporo gegründet. Der erste Braumeister war NakagawaSeibei, der sein Handwerk bei der Tivoli-Brauerei in Fürstenwalde/Spree in Deutschland erlernt hatte. Ok, alle guten Biere führen dann doch irgendwie wieder nach Deutschland. Ich muss auch sagen, dass das Sapporo-Bier sehr solide ist und es schmeckt mir bisher am besten hier. Es würde definitiv in Deutschland Anklang finden. Im Biermuseum gab es viel zu der Geschichte der Brauerei zu erfahren. Von den Anfängen bis zur Neuzeit. Die Halle war am Eingang mit einem riesigen Gärkessel gefüllt und man konnte unter anderem die verschiedenen Bierflaschen der Jahrzehnte sehen. Leider war die Ausstellung in Japanisch und es war mal wieder schwierig sich viel Wissen mitzunehmen. Glücklicherweise haben wir kurz vor Ende festgestellt, dass an den Seiten der einzelnen Station Kärtchen zum Herausnehmen lagen, worauf die Texte in Englisch standen. Nur bedauerlicherweise war das Energielevel zu niedrig und der Hunger zu groß um nochmal alles von vorne zu durchlaufen. Im Souvenirladen holten wir uns noch verschiedene Biersorten zum Ausprobieren.







Die Entscheidung für das Abendessen war heute überhaupt nicht kompliziert. Die zwei netten Damen vom Vormittag gaben uns die optimale Empfehlung für Vielfraße wie.
Es ging zum All-you-can-eatin einem klassischen japanischen BBQ-Restaurant. Das ganze nennt sich hier „Yahiniku“. Dabei ist in der Mitte des Tisches ein Gasgrill eingebaut, worauf man dann rohes Fleisch und Gemüse brät. Es hat ein bisschen was von Raclette. Man sitzt gesellig in der Runde und isst über einen langen Zeitraum immer wieder kleine Häppchen, die man selbst auf dem Grill zubereitet. In der Zeit, wo die Sachen braten, hat man viel Zeit zum Quatschen. Als ökonomisch angetriebene Deutsche wollten wir natürlich auf jeden Cent kommen, den wir bezahlt haben. Es waren rund 30 € für All-you-can-eat-and-drink. Das heißt, in 90 Minuten mussten vier Bier (kleine Gläser für den deutschen Durchschnittsbürger) und sechs Schalen Fleisch pro Person vernichtet werden. Da wir hier ja auch gewisse Erfahrungswerte teilen und auch Tipps vermitteln wollen, will ich hier mal aus der Retrospektive ein paar taktische Kniffe erklären, um das bestmögliche aus so einem Abendessen herauszuholen. Wichtig ist es dabei, die Kellnerin immer beschäftigt zu halten. Es war am Anfang ein strategischer Fehler von uns, die Schalen zu leeren und dann neue zu ordern. Nach der zweiten Runde haben wir die Probleme in der Lieferkette erkannt und sofort assoziiert, was zu tun ist. Es wurden jetzt proaktiv neue Portionen bestellt, nachdem die aktuelle Bestellung abgestellt wurde. Das Lieferkettenproblem war damit gelöst. Es war jetzt lediglich nur noch notwendig die richtige Menge zu bestellen, damit keiner am Tisch auf dem trockenen bleibt. Die optimale Menge waren acht Schalen. Es herrschte danach Einklang und Harmonie zwischen uns, der Kellnerin und dem Koch. Jeder einzelne machte diese Symbiose im Völlereikreislaufvollkommen. Es war lustig, wie die Kellnerin jedes Mal nur noch lachte, nachdem sie die nächste Bestellung von uns entgegengenommen hatte. Das Essen war verdammt lecker. Wir bedankten uns bei allen und rollten langsam richtig Hotel. Was ein toller Tag!




Alexander Dreimann Juni 2, 2023
Nice